Skihochtourenkurs Engadin – 19. - 22.04.2007


Donnerstag, 19. April 2007. Die Wetterlage im gesamten Alpenraum drohte nun schon die dritte Woche im absoluten Traumwetterhoch zu verweilen, und mitten drin sechs verwegene Gestalten, bereit, alles zu geben, um ein weiteres Kapitel im großen SAN-Heldenbuch zu schreiben. Im einzelnen waren da die bunnies Nordlichtangel, Lilo und medl ausgestattet mit exklusiver FÜL-Begleitung in Form von kale, LaB und Alex.

Relativ gelassen, oder vielleicht besser gesagt „nichts ahnend“, standen wir um 12 Uhr noch am Malojapass rum, spielten kurz mit dem Gedanken unsere imaginären Spaltenrutsche und Lawinenopfersuchen nicht doch lieber ins Carlton in St.Moritz zu verlegen, aber da drängten sich schon Einwände wie „Mia san ja ned zum spass da!“ oder „Kindergeburtstag“ und solcher Quatsch auf und ließen uns mit festem Blick und quietschendem Skitourenstiefel den langen Hatsch ins Fornotal antreten.
„Pah, 750 Hm in wie viel? - 4 Stunden - wohl ’n Druckfehler oder so … also auf jeden Fall nachher auf der Hütte noch nen leckeren Kaffee in der Nachmittagssonne schlürfen …“ Mit diesen oder ähnlichen Gedanken trabten wir mit geschulterten Skiern in Richtung erste Hangneigung. Mit Anfellen oder so war da noch nix, das Weiß entpuppte sich bei näherem Hinsehen als botanischer Frühlingsknall: Minikrokusse (zur genauen Bestimmung fehlte uns unser Strauchdieb) zu Tausenden …

© medl 2007

Das hätte uns ja eigentlich schon als Warnung dienen können, aber immer noch euphorisch mit dem kräftigen Hoch wetteifernd, traten wir nun mit unseren befellten Brettern auf die erste geschlossene Schneedecke.

© medl 2007

Nach einer guten Stunde stoischem Wechsel zwischen rein-in-die-Bindung und raus-aus-der-Bindung, Storchengestakse auf aperer Forststraße und sage und schreibe effektiv zurückgelegten 90 hm waren wir am Cavlocsee angelangt, nun jedoch bestens vertraut mit dem jeweils vorhandenen Bindungsmechanismus …

© medl 2007

Also doch nicht so falsch diese Zeitangabe? Ach was, nur mal weiter, irgendwann müssen ja mal diese 650 Hm kommen und dann hauen wir die weg wie nix … Die kommende Stunde brachte neben brütender Hitze allein die Gewissheit: Es gibt sie doch, diese Yakfreundlichen Touren, bei denen man ohne schlechten Gewissens seine Ski sowohl bergauf wie bergab in allen erdenklichen Positionen tragen kann - nur eben nicht unter den Stiefeln!

© medl 2007

Frust machte sich langsam breit; der Weg ging nun den Bach entlang durch unwegsames Geröll. Jeder Bindungsausstieg barg die Gefahr gleich mal oberschenkeltief in irgend so ein sch… Loch zu brechen.

© medl 2007

Doch mit zunehmend wandernden Schatten, merklichem In-die-Länge-Ziehen der Gruppe und nur unwesentlich mehr Höhenmetern, gab das Tal langsam den Blick auf unser Tourengebiet frei: Die Torrone-Gruppe, ein herrliches Massiv im Übergang vom Engadin zum Bergell.

© medl 2007

Na, hier sollte doch noch so was wie Schnee rumliegen, oder?! Allerdings ganz schön steil alles hier … äh … kale, sind wir hier richtig abgebogen? Ja? Ok, naja, dann mal weiter …

Nun, nach den eingangs erwähnten 4 Stunden standen wir gerade mal am Fuß des hier noch recht harmlosen Fornogletschers und suchten mit nun schon etwas verzerrtem und leicht irritiertem Blick (schließlich sah es so aus, als ob wir unser Koffeindepot zu keiner halbwegs vernünftigen Zeit wieder auffüllen würden können) die steilen Flanken der Randmoräne nach dieser Hütte ab.
Verdammt, warum mussten wir diesen Kurs ausgerechnet ins Jahr 2007 verlegen? Schlappe hundert Jahre früher und wir hätten gemütlich vom Gletscher in die warme Stube marschieren können, aber nee, nun kam uns auch noch dieser Klimawechsel in die Quere. Das ganze Ausmaß dieser Misere zeigte sich im letzten Schlussanstieg zur Hütte, der sich als verlängerte Entsorgungsrinne des winterlichen Hütten WCs entpuppte!
200 hm quälten wir uns durch Moränendreck in zunehmender Steilheit schon jenseits der 35 nach oben und so mancher durch die Zähne gepresster Gefühlsausbruch ähnelte in überraschender Weise den sonderbaren Wegmarkierungen die da von oben im Laufe der letzten Wochen runter gespült worden waren …

© medl 2007

© medl 2007

Doch Dank LaBs Vorwärtsdrang, kales unvergleichlicher Ruhe und Alex’ herzerwärmender Fürsorglichkeit kamen wir doch auf der Hütte an und konnten irgendwann später beim Nachtmahl unser Lächeln wiederfinden. Einzig der Gedanke an diese 200 hm, die bei jeder Tour wohl wieder auf dem Schlussprogramm stehen würden, ließen die eine oder andere in etwas unruhige Träume gleiten …

Doch die abendliche Tourenbesprechung brachte Erleichterung: Der folgende Tag sollte uns erst mal in die entgegengesetzte Richtung, also via Monte del Forno bringen. Uffz!

Der Freitag begrüßte uns mit dem strahlendsten Blau, den wärmendsten Sonnenstrahlen und dem herrlichsten Panorama, das man sich nur wünschen konnte.

© medl 2007

Die Sorgen von gestern waren dahin, wir fellten an und es ging Richtung Osten auf hartem Schnee aber in gemildeter Steigung los. Nach einiger Zeit kamen wir in einen Talkessel, der uns den Blick auf das angepeilte Ziel freigab … und zumindest mir gingen in den folgenden Sekundenbruchteilen drei Dinge durch den Kopf: „Boah“ - „Nee, ich nicht“ - und: „wo ist der beste Brotzeitfelsen hier unten?“

© medl 2007
von weiter oben zum Monte del Forno rüberfotografiert - steil und ziemlich wenig Schnee

Die anderen, so schien es, hatten die besseren Nerven und beschlossen, erst mal zum Joch „Sella del Forno“ aufzusteigen und die Lage zu peilen. Auf meinem Logenplatz im etwas weiter unten liegenden Sonnenstudio betrachtete ich angeregt die unterschiedlichsten Spitz- und Kickkehrtechniken meiner Mitstreiter … Nach etwa 20 min gesellte sich eine etwas resignierte Lilo zu mir und erkannte schnell die Vorteile meiner „Liegewiese“. Wir schnarchten also erst mal ne Runde vor uns hin, ab und an von Angelikas Juchzern gestört (die wohl mehr der eigenen Aufmunterung als der Schneebeschaffenheit unter ihren Füßen galten) bis wir merkten, dass auch sie umgeplant hatten und den rechts befindlichen no name Hügel vorzogen.

© medl 2007

Kurz vor der Abfahrt brauchte unser Adrenalin-Junkie Alex mal wieder ne Dosis Nervenkitzel und ließ mal eben eines seiner Harscheisen „abfahren“. Aber unter kales Argusaugen ging’s diesmal wenigstens ohne das Lawinensurfen und Kopf-voraus-springen … ach ja, sein Harscheisen hat er natürlich wieder, is ja logisch! Wieder unten bei uns angekommen war’s dann auch schon vorbei mit dem Chillen - Abfahren am Seil war angesagt. Kale und Alex wollten sich die Show von außerhalb anschauen - wir restlichen vier mussten dran glauben.

© medl 2007

Die Gaudi war natürlich vorprogrammiert: Nach einem fiktiven Spaltensturz unseres Frontman Michael legte die ihm folgende Lilo eine derart filmreife Kür à la sterbender Schwan hin, dass Angelika und ich uns vor Prusten komplett ins Seil verknäuelten. Fazit für uns: Am besten nie in die Verlegenheit kommen, am Gletscher ein Seil dabei zu haben, an dem man abfahren könnte …

Der Nachmittag war geprägt von schweren Theorieeinlagen:
„Rettung eines Spaltenopfers mittels loser Rolle“

© medl 2007
Dramatik vor der Fornohütte

Die Umsetzung klappte perfekt … Ihr könnt Euch also getrost bei Eurer nächsten Gletschertour uns anvertrauen - wir holen jeden raus!

© medl 2007

© medl 2007

© medl 2007

© medl 2007

Selig genossen wir danach unser leckeres Abendessen und verschwanden in den herrlich kuscheligen Betten unseres Lagers mit eigener Biowärme (wer braucht schon ein Hotelzimmer mit Dusche im Carlton, wenn er sich hier mit einer Schneewäsche auch noch ne Menge Zeit sparen kann?! )

Doch zurück zur Natur:
Samstags trieb’s uns dann doch diese Mörderrinne runter, allerdings nur mit der Aussicht auf eine Rundtour, die uns wieder von oben zur Hütte kommen lassen würde!
Der Cima di Val Bona (3033 m) wurde angepeilt. Erst mal konnten wir am sanften Fornogletscher die Wahnsinnsberge rundum bestaunen,

© medl 2007
Torrone Centrale

© medl 2007
Cima di Rosso (heute ganz in weiß)

© medl 2007

bevor wir dann gen Osten zum Gletscherbruch abbogen.
Angelika hatte die Führung getroffen und tapfer machte sie das Tempo in Richtung Spaltenregion. Der Schnee war hart aber griffig so früh am Morgen, was sie zu akrobatischen Spaltenumrundungen bewog …

© medl 2007

© medl 2007

… nur irgendwie hatte keiner Lust ihren Gratwanderungen zu folgen!

Der weitere Anstieg war herrlichstes Skitourengelände mit toller Kulisse.
So gegen 11 Uhr waren wir am Fuß des Cima di Val Bona-Gipfelaufbaus anglangt. Alex, Lilo und ich schenkten uns die restlichen Höhenmeter über Granitschutt zum Gipfel; kale und LaB mit einer fulminanten NLA-Granate gaben sich jedoch den luftigen Rest und wurden dafür am Gipfel mit einem extravaganten Fund gesegnet:

© medl 2007

Eine Flaschenpost!
War’s das Protokoll der letzten Graubündner AA-Tagung im wetterfesten Etui oder etwa der Abschiedsbrief des vorigen Hüttenwirts - wir wissen es nicht! Kletterfinger sind einfach nicht dafür geschaffen, um aus so nem grazilen Flaschenhals was raus zu fummeln …

Es war noch Zeit für ein paar Selbstauslöser-Tests,

© medl 2007

und dann ging’s auch schon ans Abfahren.

© medl 2007

Unser kale stürzte sich wie John Eaves aus Willy Bogners White Magic den Hang hinunter. Irgendwie blieb er der einzige, der an diesem Tag dem Schnee so richtig schöne Zöpferl aufdrücken konnte …
Aber wir anderen meisterten das Ganze auch recht ordentlich.

© medl 2007

Hier der Blick zurück: Die Abfahrt ging vom Joch (Bildmitte) erst mal entlang der Licht-Schatten-Kante und dann über den firnigen bis schon etwas sulzigen Hang hinunter ins Val Bona bis unterhalb der Scharte „Sasso del Forno“, die wir ja am Vortag von der anderen Seite her kennen gelernt hatten.

Da standen wir nun. Sauheiß war’s. Wir schüttelten die letzten Tropfen unseres wässrigen Marschtees in unsere Kehlen und fellten mit relativ wenig Elan an. Die Hitze flirrte und vor uns, gleich einer Sanddünen-Fatamorgana zog sich der Hang gnadenlos nach oben. Ich dachte schon an ernsthaftere Halluzinationen über Begegnungen der dritten Art, aber es war nur Michael, der da an mir vorüber zog …

© medl 2007

Den Aufstieg empfand dann jeder auf seine Weise. Ich verlor jedoch an diesem Hang jeglichen Bezug zum Skitourengehen. Nun ja, ich habe beschlossen, diesen Teil des Tages aus meinem Gedächtnis zu streichen, danke aber den anderen, dass sie so lieb auf mich gewartet haben und Alex, dass er mich da so rauf gebetet hat.

Die Abfahrt war dann wieder Entschädigung. Schönster Firnhang - leider viel zu kurz, dann noch ein paar Schrägfahrten und „schon“ waren wir wieder auf der Hütte angelangt.

Dort wurden wir vom Hüttenwirt feudal mit Kaffee und Kuchen und dem strahlendsten Blendadent-Lächeln empfangen und schon schmolzen zumindest drei von uns dahin …. verständlich, oder?

© medl 2007

Nach so viel Leckereien war es dann sehr schwer, sich auf Michaels LVS-Thema zu konzentrieren. Es blieb bei einer Trockenübung auf der Hüttenterrasse, aber ich glaube, er nahm uns das nicht wirklich übel.

Der Sonntag und somit Abschiedstag kam:
Mental bereiteten wir uns langsam auf die wenig ersehnte Talabfahrt vor. Rucksäcke wurden gepackt, Bindungen noch mal auf schnelles und häufiges Ein- und Aussteigen gecheckt und dann kam sie zum letzten Mal - diese Rinne. Irgendwie hatte sie mittlerweile ein paar ihrer Zähne verloren, wir wussten ja jetzt um ihre Tücken. Aber rauf hätt ich sie trotzdem nicht mehr wollen.

© medl 2007

Ein paar nette Schwungmöglichkeiten gab’s noch am Gletscher, dann sollte der Kann-man-auch-auf-Steinen-fahren-?-Hindernislauf beginnen.

© medl 2007

Nun ja, es wäre ja total unsportlich, hier zu lamentieren, Ihr wisst ja schließlich wie das so ist, wenn links neben einem der Gletscherbach bedrohlich gurgelt, rechst der steile Hang so komisch abdrängt und permanent irgendwelche Überbleibsel des letzten Lawinenabgangs oder Bergsturzes vor einem den Weg kreuzen.

© medl 2007

So blieben wir also auch nach dem zigsten Bindungs-Auf und -Zu völlig relaxed, waren total cool, als rechts über uns ein kleiner Eiszapfen berstend über unseren Weg rieselte und hatten eigentlich auch gar keine Mühe, dem Tempo machenden Michael zu folgen …

© medl 2007

Als letzte erwähnenswerte Hürde mussten wir noch einen Bachlauf überqueren, den aber sogar Alex ohne Hubschrauberflug mit Bravour meisterte!

© medl 2007

© medl 2007

Von nun an ging’s nur noch über Almen und Wiesen auf netten Wegen, mal mit, mal ohne Schnee, zurück zum Cavlocsee, an dem wir noch eine letzte Pause einlegten.

© medl 2007

© medl 2007

© medl 2007

© medl 2007
Vielleicht hätten wir das Schild ja beim Aufstieg genauer lesen sollen ?!

Danach betrachteten uns die italienischen Sonntagsausflügler in Shorts und Schühchen eher wie Ausserirdische, aber kein Wunder: A bisserl g’schpinnert san’s ja scho, de Schitourengeher!

© medl 2007

So gingen 4 aufregende, lehrreiche aber vor allem lustige Tourentage vorüber. Wie immer kann man nicht anders, als den kale jedem Bergsteiger, der mal wieder sein Wissen auffrischen will, als Kursleiter wärmstens zu empfehlen. Aber auch die beiden anderen FÜLs haben ihre Erstklassigkeit bewiesen - hinten im Fornotal, das uns bunnies die Löffel schlottern lies …

medl

 

zur Hauptseite


Copyright (c) 2007 Sektion Alpen.Net