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Express mit Verzögerung (Gelesen: 14320 mal)
Lamл[tm]
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Express mit Verzögerung
14.02.2007 um 23:09:33
 
Wilder Kaiser?
Der Samstag soll nachmittags schlecht werden. Deshalb: 4 Uhr aufstehen, 4 Uhr 45 am Einstieg, 5 Uhr beginnt es zu regnen, 5 Uhr 30 (also zu Tagesanfang und zu Beginn der ersten Fünfer-Seillänge) am Umkehrpunkt des Vortags. Der Regen hat aufgehört, aber wir sind gewarnt. Vor uns liegen jetzt noch 15 SL, drei Sechser, ein Mal V+, der Rest ist einfacher.
SL3, wunderbarer rauer griffiger Fels, V+ Ein Bolt direkt neben einer Bomben-Sanduhr - warum heißt das "Wilder" Kaiser? Einen kleinen Vorgeschmack habe ich in SL4, nach 3 Bolts in recht gutem Keilgelände: Es ist feucht, etwa III, und überall sieht es gleich aus. Wie soll man *hier* einen 5*7 cm großen Stand finden? Der Klefü erzählt was von "rechts abbiegen", aber da ist nun definitiv nichts. Und selber basteln? Da braucht man eher Firnanker für die Graspolster. Und sowas hat man nun wirklich nicht dabei beim Klettern. Zurück zum letzten Bolt, Stand gemacht und Tobi nachgeholt. Zufällig sieht er den 15 Meter entfernten Standplatz, nicht rechts, sondern eher leicht links über uns. Schwer ist es nicht die nächsten 3 Längen, aber absolut null Orientierungspunkte. Wie Tobi so zielgerichtet die Stände findet, weiß ich nicht. Begehungsspuren gibt es in der erst 4 Jahre alten Route kaum, links und rechts daneben ist es weder deutlich schwerer noch irgendwie bröseliger, grasiger oder in anderer Weise unangenehmer - vielleicht sieht er einfach nur besser mit seinen 13 Jahre jüngeren Augen.  
SL8, Einstieg aus dem Schneeloch in die obere Hälfte - herrliches Gestein, alles läuft wie am Schnürchen, SL9, die erste Sechserlänge und vermutlich schönste Länge der Route, hier sind (trotz 20+ Meter freier Flugbahn) sogar die Fortbewegungshaken gebohrt. Was soll das denn nun?
SL10+11 ist wieder einfach, dafür nicht überall stabil und nur mäßig gesichert. Die Keile bleiben trotzdem an Tobis Gurt - es seine Sache, mit einem ausbrechenden Griff oder Tritt (oder auf einem rutschigen Stück Gras) den hier sicher tödlichen Roller (von Sturz kann man in dem Fall eher nicht reden) in die Tiefe anzutreten. Doch er hat Glück, wie immer bisher. SL 12, gem. KleFü die schwerste Länge, wieder das Gegenteil - an einer Stelle sind die Haken gerade mal einen Meter auseinander. SL13, ein perfekter paralleler Riss zerrt an meinen Friends - ich kann mich nicht wehren, die müssen einfach rein. Trotzdem zwei Laschen - was ist hier wild am Kaiser? Den nächsten Bolt lässt man wg. abartigen Seilzugs besser ganz weg. Statt dessen ein Meter weiter oben ein Köpfl mit fast 1 Meter Durchmesser.
Nach 14 SL fast ausnahmslos genüsslicher Kletterei erreichen wir den Anfang des Heroldwegs. Die Verbindung zum Ausstiegskamin liegt auch gleich hinter uns, der Tag ist noch nicht alt, wir machen erst mal etwas Pause und lassen den uns jagenden Stadler-Markus sowie die beiden noch unverbrauchten über den Heroldweg eingestiegenen Seilschaften vorbei. Die angeblich einzige schwere Stelle des Ausstiegskamins liegt auch gleich hinter mir.

Wilder Kaiser! Denn das dicke Ende kommt am Schluss...
Doch dann ist erst mal Feierabend. Angeblich soll es ab jetzt leicht sein. Für einen Sachsen vielleicht. Aber 50 Meter und 5 Haken, da müsste eigentlich endlich mal nach den Erfahrungen des zurück liegenden Wegs das bislang kaum genutzte Keil-und-Friends-Set zum Einsatz kommen dürfen. Doch es will nicht. Der Kamin ist so breit, dass man nur diese Spreizstangen vom Bau brauchen kann und wer nimmt so was schon zum Klettern mit? Verflucht-hätte ich Tobis Angebot, diesen Mist vorzusteigen, doch angenommen. Und warum waren die Bohrtrupps unten so verschwenderisch, dass oben nichts mehr übrig war * ? Zentimeterweise fürchte ich mich dem ersten Klebehaken entgegen, an drei abgeflexten Schrauben vorbei. 7 Meter zur letzten Lasche, einen Meter darunter der Stand, ein Krampf im Arm - Mit nur etwas Glück könnte der Flug über das Band gehen, aber ein Normsturz ins Doppelseil, so was tut richtig Aua. Der Nachsteiger der letzten Seilschaft hängt meine 1,80 lange Bandschlinge in den nächsten Klebehaken, so habe ich statt 4 nur noch 2 Meter, evtl. Flugpläne werden gestrichen. Mit den letzten Resten meiner Nerven geht es bis dorthin, der Krampf ist auch schlagartig weg, dann begleiten mich zwei erstklassige Placements im Seitenriss zum nächsten Haken 5 Meter höher, na also, geht doch. Bis dorthin, dann geht das wieder so weiter wie unten. Ich mache Zwischenstand, der vor Ungeduld innerlich kochende und wüste Drohungen aussprechende Tobi mit reichlich Sachsen-Erfahrung schrubbt den Kamin zu Ende, die Keile will er nicht mal haben. Erstens kann man ohnehin keine anbringen und zweitens ist das für ihn einfach, er geht oft ins Elbsandstein zum Kamine schrubben. Der Rest ist Formsache. Ein paar Längen 3 und 2 durch die Blöcke, dann über eine Terrasse zum sich als Vorgipfel entpuppenden Gipfel. Tobi macht die letzten 30 Meter zum Hauptgipfel allein hoch. War auch besser so, denn wenn ich da den Wunsch geäußert hätte, noch mal ins Seil zu gehen, hätte er mir vermutlich einen Freiflug durch die Ostwand bis hinunter ins Schneeloch geschenkt.
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Re: Express mit Verzögerung
Antwort #1 - 14.02.2007 um 23:14:18
 
Runter - kein Problem, aber es dauert etwas
Vom schlechten Wetter ist nichts zu sehen, wir bleiben insgesamt über eine Stunde oben. Wir genießen die herrliche Aussicht, essen in aller Gemütsruhe
Beim Abstieg über den Führerweg kann nichts passieren, alle wirklich ausgesetzten Stellen sind mit geklebten Abseilringen versehen, deren Nutzung jedoch mit Tobis sportlichen Ehrgeiz überhaupt nicht vereinbar ist und ihn vor Ungeduld fast platzen lässt.
Warum er mich nicht allein absteigt und mir ein Seil lässt, weiß ich nicht, vielleicht will er auf sein Seil aufpassen? Jedenfalls darf ich mir einen etwa 2 1/2-stündigen Sermon über meine als Unfähigkeit interpretierte Unwilligkeit, unnötige Risiken einzugehen, anhören. Und überhaupt, ich solle mich nicht so anstellen, irgendwann müsse ich ohnehin sterben...
Abends sitzen wir wieder auf der Hütte und genießen die letzten Sonnenstrahlen. Tobi hat den Ärger scheinbar schon vergessen. Von großem "Begießen" der Tour müssen wir Abstand nehmen, mit den 60 Euro Bargeld müssen wir Haus halten. Ein "Viertele", ein AV-Essen und eine Übernachtung für jeden, und morgen wollen wir ja auch nicht hungern...


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Jetzt geht's los..

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Am Weg zum Vorgipfel

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Der Stadlermakus joggt gerade an uns vorbei, ein gemütlicher Vormittag 3 Grade unter seinem Limit

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Paradies für Sachsen und Seelenverwandte

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Oben

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Zu Fuß und abseilend nach unten

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Herrlicher Abend ...



Kirchl-Express in Kürze:
- 17 SL, 1 SL VI, 2 SL VI-, 1 SL V+, Rest z.T. deutlich leichter, alle Sechserstellen künstlich kletterbar.
- Gesteinsqualität in den Fünfer- und Sechserlängen erstklassig, sonst mindestens ordentlich.
- Topo hier: http://www.stadler-markus.de/files/alpinklettern/kaiserrouten/totenkirchl_kirchl...
Übersicht
- Aus dem Wildanger links neben dem Klettergarten 7 SL durch die Ostwand des Schneelochabbruchs
- Aus dem Schneeloch 7 SL über die Südwand des östlichen Vorgipfels auf diesen
- Original als lebende Schornsteinfegerkugel durch den Dülferkamin oder einfacher am Heroldweg der Politur folgend zum Gipfel.
Besonderheiten
- In den letzten 3 1/2 SL unterhalb des Schneelochs fehlt eine natürliche Linie, hier den mitunter entfernten und schwer auszumachenden Laschen folgen.
- Wie leider zu oft in sanierten Alpinrouten, Übersicherung im schweren Gelände bei beliebigen Optionen auf weite Stürze (eher: Roller) im einfachen Gelände, die sich mit einem "kleinen Rack" außer in der letzten Länge gut bis sehr gut entschärfen lassen.
- Dülferkamin nur für Sachsen und Artverwandte zu empfehlen, Umgehung für Gipfelsammler über den Heroldweg (IV) möglich, aber außerordentlich abgenutzt, angeblich vergleichbar mit dem "gelben Riss" in der Rotflüh-Südwand.
Abbruchmöglichkeiten
- am Stand von SL 4 rechts ausqueren über Schneeloch-Zugangsweg (Steilgras, Grödel sinnvoll und bei Regen zwingend, sonst abseilen über die Route)
- Nach SL 7 Abstieg zu Fuß über den am tiefsten Punkt des Schneelochs startenden Zugangsweg (s.o.)
- Nach SL 13 erste SL des Heroldwegs zurücksteigen, danach Abstieg zu Fuß, wer erst mittags eingestiegen ist, am gleichen Tag noch nach Hause muss oder den Gipfel schon kennt, hat bis hier eine schöne Kletterei gemacht und 2-4 Stunden gespart.
Abstieg
"Führerweg":
- Mit großen roten Pfeilen markierter Steig mit 8 verstreut eingebauten Abseilstellen je 20 Meter.
- Zwingend frei zu gehende Stellen max. I in relativ ungefährlichen Rinnen. Dennoch uneingeschränktes Stolperverbot auf der gesamten Strecke.
- Abseilstellen frei geklettert überwiegend II, vereinzelt III bei erheblicher Ausgesetztheit und z.T. mäßiger Gesteinsqualität. Die letzte Abseilstelle muss selbst eingerichtet werden.

*Die Erstbegeher hatten tatsächlich unten deutlich weniger Laschen gebohrt und den Kamin mit einem Zwischenstand und etwa doppelt so vielen Laschen versehen, die kurz später wieder abgeflext wurden. Begründung war, dass sich Hans Dülfer bereits 1913 durch besagten Kamin hochgenagelt hatte und was damals zwar mit Hanfseil, dafür aber ohne Kletterschuhe ging, .... . Ein Kompromiss mit der Flex- Fraktion ergab dann den heutigen Zustand
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