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Anderkaffer in Lengenfeld (Gelesen: 1806 mal)
Lamл[tm]
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Anderkaffer in Lengenfeld
31.08.2009 um 14:19:09
 
Schon seit langem war Lampi[tm] fest entschlossen, Licht ins Dunkel der Dekadenz des Kletterns zu schnödem touristischen Event zu bringen. Dazu hat er sich unter dem Vorwand
- etwas für seine Klettertechnik zu tun,
- seine Sturztechnik professionell zu überprüfen zu überlassen
- und für die folgenden Bergtouren noch etwas UV- Eigenschutz zu tanken,
bei XING unter dem Decknamen Rainer Lampatzer unter 17 andere Leute gemischt und sich zu einem sogenannten Lama-Bacher- Cämp angemeldet. Für den Spottpreis von 268 Oironen bekam man 3 Tage Halbpension in einem ***-Gasthof sowie persönliche Betreuung durch die beiden österreichischen Weltklassekletterer David Lama und Babsi (Barbara) Bacher.

Am Sonntag den 23.08.2009 geht es dann los. Erste Überraschung: Im Nebenraum einer Pizzeria in Lengenfeld sind 50 Personen versammelt. Mäks, der Veranstaltungsleiter, stellt das Team vor, zu dem außer David und Babsi auch noch 3 örtliche Bergführer sowie Babsis kleine Schwester Sabine gehören. Außer den üblichen Sprüchen, dass man hier ist, um Spaß zu haben, der bei Fremd- sowie grober Eigengefährdung jedoch aufhört, kommt an dem Abend nix rüber. Fast nix, denn wie jeder Ötztaltouri bekommt man den üblichen Begrüßungsbeutel mit Ortsplan, jeder Menge Reklamematerial, einem 25- Oiro- Gutschein beim örtlichen Sportladen sowie zusätzlich noch ein allerliebstes Plüsch- Mammut, eine Ausgabe der Kletter- Bild, das Ötztal- Special aus dem Hause Motor-Presse, ein Rekame- Schlüsselband (natürlich auch aus dem Hause Mammut), eine Baseballmütze mit dem bekannten und nicht entfernbaren Ötztal- Sticker, einem Einkaufsgutschein üer 25 Oironen sowie eine Übersichtskarte über alle örtliche Klettergärten.

Am Montag geht es dann nach Oberried. Man könnte die ca. 15 min. mit herrlichem Bergblick ja zu Fuß gehen - aber wozu? Ein großer Parkplatz 5 Minuten vom Wandfuß macht jede Überlegung unnötig.

Am Klettergarten angekommen, die zweite Überraschung. Eine richtige Infrastruktur steht hier, die man in Deutschland vergeblich suchen würde. Große Toilette mit vier Buchstaben? Nicht hier. Hier steht ein Dixiklo. Weil Österreich ein anständiges Land mit ebensolchen Bewohnern resp. Touristen ist, steht für die Mädels gleich noch ein Dixiklo daneben. Die Einstiege sind auf einer Q-Weide. Deshalb gibt es eine kleine Koppel, in der man sein Gepäck deponieren kann. In dieser Koppel sind außerdem noch ein paar Tische und Bänke, ein Auszug aus dem KleFü auf einer großen Tafel. Ein Umweltwürfel mit 7-facher Mülltrennung ist selbstverständlich auch da. Der obligate Mammut- Stand ist natürlich auch schon aufgebaut, die Slackline gespannt.

Das Programm startet mit der Einteilung in vier nahezu gleich starke Gruppen: Leute die noch nie geklettert sind, Leute, die noch nie vorgestiegen sind, Leute, die über VII draufhaben und den Rest, in dem sich Lampi[tm] wiederfindet. Gewissenhaftes Aufwärmen steht am Anfang des Kletterns. 10 Minuten Fußball spielen und dann leichtes Stretching - schon fangen die ersten zu meckern an. "Nach 10 Minuten bin ich noch total kalt, da kann ich unmöglich schon dehnen." oder "Jetzt bin ich total platt, an Klettern ist heute nicht mehr zu denken." Sucht es euch raus.

Auf jeden Fall folgt nach dem Aufwärmtraining die dritte Überraschung. Fast alle Camp-esinos sind zigarettenabhängig. Während in üblichen (d.h. Lampi[tm] bekanten )Kletterkreisen die Quote eher niedrig ist, braucht hier fast jeder nach 10 Minuten seinen Nikotin- und Teerstoß. Dafür war von dem von rauchenden Kletterern üblicherweise z.B. zur Bekämpfung von Angstzuständen als unabdingbar erachteten Tabakzusätzen nichts zu riechen. Diese wären jetzt auch nicht mehr erforderlich (Begründung folgt).

Um mit dem doch nur selten bekletterten Gneis wieder klar zu kommen, geht Lampi[tm] an eine angebliche 6a. Und hier folgt die vierte Überraschung. Das einst (zu Recht )als übermäßig hart verschriene Ötztal wurde erheblich aufgewertet, und außerdem sind (auf Kosten der Touristenbüros) etwa 3 Mal so viele Haken drin wie vor 10 Jahren. Darauf sind wir bereits am Vorabend hingewiesen worden, schließlich soll Tirol ja das "climbers Paradise" werden und dazu passt es nicht, dass sich reihenweise Kletterer beim örtlichen Tourismusbüro beschweren, sie müssten beim Klettern im Ötztal um ihr Leben fürchten und es gäbe wg. Unterbewertung keine machbaren Routen.

Und jetzt kommt Überraschung 4: In beiden Fällen wurde erheblich übers Ziel hinaus geschossen. Der erste Bolt ist oft in gefährlich niedriger Höhe (Wenn das mal kein wirksames Antidrogen- Programm ist), und von den jetzigen Schwierigkeiten sollte man sich, um nicht abzuheben bzw. anderswo unangenehme Überraschungen zu erleben, einen halben Grad abziehen.

Übertriebenes Understatement einiger führt dann dazu, dass in der "Restgruppe" ein Leistungsniwoh herrscht, in dem sich Lampi[tm] Mühe geben muss, nicht durch übermäßiges Herumdilettieren aufzufallen. Selbst der stolze Besitzer einer ausgewachsenen Plauze konnten ihm klettertechnisch etwas vormachen- der Plauzenmann hat zu Hause allerdings seinen persönlichen Trainer.

Deshalb spielt Lampi[tm] den, der sich hoffnungslos übernimmt. In einer fast durchgehend überhängenden 6c+ (VIII-/VIII) kämpft er sich Meter für Meter von Bolt zu Bolt. Ohne die vielen Tipps von Sabine (Bacher) wäre ihm vermutlich nicht mal das geglückt. Gemeinsam mit einem nur ganz wenig stärkeren Bwohner der gleichen Pension zieht er noch ein paar Routen zwischen VI und VII (Leichteres gibt es hier ohnehin nicht).

Am Abend gibt es natürlich wieder Programm - im mondänen Hotel "Aquadrom" ein wunderschöner Bildervortrag rund um die Welt, bei dem sich viele Zuschauer wundern, dass der eigentlich nur durch seine Wettkampferfolge bekannte David Lama trotz seiner jungen Jahre bereits in wilde Erstbegehungen verwickelt ist. Fetten Respekt vor dem Mann, der sich noch vor wenigen Jahren in einer Kletterhalle bei Stuttgart als knuddeliger süßer kleiner Kerl von 12 Jahren vorstellte.
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In den Armen der vermutlich süßesten Weltcup- Kletterm
Antwort #1 - 31.08.2009 um 14:21:13
 
In den Armen der vermutlich süßesten Weltcup- Klettermaus

Dienstag treffen wir uns dann am Engelswand- Parkplatz. Eine Hälfte geht zum Klettergarten an der Engelswand, um professionell angelitten stürzen zu lernen, der Rest in den verwunschenen Wald bei Tumpen zum Bouldern. Selbstverständlich wieder mit der süßen Sabine. Zum Aufwärmen gibt es diesmal die realworld- Version von Pacman. Sabine macht uns erst mal einen Boulder ganz locker vorund spielt dabei noch mit ihren zwei bei aufrechter Körperhaltung bis zum Gesäß reichenden schwarzen Zöpfen. Wer soll sich da noch aufs Bouldern konzentrieren können? Weil Lampi[tm] den Boulder natürlich nicht packt, landet er gleich drei Mal in ihren Armen. Wann hat man schon mal so eine Gelegenheit? Wie viele Leute sich wohl eigens dafür absichtlich haben fallen lassen? Eigentlich undenkbar, dass eine so zierliche junge Frau so viel Kraft hat, ist Lampi[tm] doch immerhin deutlich über 1 1/2 Mal so schwer wie sie. Wir bekommen noch jede Menge anderer Boulder gezeigt, die wir nach 1..10 Versuchen auch irgend wie bewäligen. Natürlich reichen die 3 1/2 Stunden nicht, um Bewegungsabläufe zu verinnerlichen. Aber ihre Tipps werden sicher noch viel nützen.

Für den Abend ist ein Abseil- Event geplant. Man wird vom Lengenfelder Ortsteil Burgstein mittels Statikseil 200 Meter bis ins Tal abgelassen. An dieser Stelle ist der Grat zwischen Erlebnis und Dekadenz für Lampi[tm] allerdings deutlich überschritten.

Die Wettervorhersage macht es erforderlich, das Event auf den Nachmittag zu legen. Die, die nicht teilnehmen wollen, gehen zum Klettergarten, um dort mal so richtig abzustürzen, und zwar ohne zu kratern. Sicher sinnvoller. Bei mitunter unwetterartigem Regen geht es nach Hause in einen ***-Gasthof, die niedrigste zum Package buchbare Kategorie der Unterkunft. ****- Hotel wäre auch möglich gewesen und wurde von manchen auch gebucht.

Vom Mittwoch gibt es nicht viel Neues zu berichten. Wer bouldern will, muss dies am Rand des klettergarten tun, denn im verwunschenen Wald ist vom Regen der Nacht noch alles glitschnass. Einige bereiten sich auf den Slackline- Kontest noch etwas vor, manche fliegen noch eine Runde. Pünktlich 2 Stunden vor dem geplanten Ende setzt das Nachmittagsgewitter ein. Alles fährt heim und die Klettergärten des Ötztals liegen friedlich da, als sei nichts geschehen.
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Climbers Paradise oder Die Tomaten der Kletterer
Antwort #2 - 31.08.2009 um 14:23:56
 
Climbers Paradise oder Die Tomaten der Kletterer

Entsteht hier ein neuer Moloch Klettertourismus wie der Schitourismus vor 30 Jahren? Ich denke nicht. Die Felsen sind (trotz noch erheblichen Potenzials) nicht vermehrbar. Es werden jetzt schon Felsen eingebohrt, die man unter normalen Umständen nicht anschauen würde; im Ötztal ist die Felsqualität super, aber in Haiming sollte man nicht hintereinander klettern, von Nassereith sind mir ähnliche Gruselstories bekannt. Die vorhandenen Klettergärten im Ötztal können gleichzeitig etwa 400 Kletterer beschäftigen - die mehrere 10000 Gästebetten lastet das nicht wirklich aus. Zudem ist Kletterurlaub - trotz aller Bequemlichkeit mit Parkplätzen und Scheißhäuseln am Einstieg kein Faulenzerurlaub wie sich maschinell irgend wo hochschleifen zu lassen, dann runter zu rutschen und spätestens nach 3 Stunden das Komasaufen im Pisten- Ballermann anzufangen. Das "akute" (d.h. nicht von Gewohnheiten abhängige) Umweltbewusstsein der Kletterer ist hoch. Die "Mistkübel" sind reichlich frequentiert, auch abends lag kein Stückchen Abfall auf der sauber abgeweideten Wiese am Einstieg, die Toiletten sind sauber, wenn auch oft leider voll.

Eine besondere Umweltbelastung geht von den Kletterern nicht aus, sieht man mal davon ab, dass sie alle einzeln mit dem Auto angereist sind. Man kann aber davon ausgehen, dass sie sonst wo anders hingefahren wären, vielleicht sogar weiter. Durch Kletterfelsen wird die Landschaft überhaupt nicht verändert, was im diametralen Gegensatz zu Schipisten steht. Eine Lärmbelastung wird bereits in 100 Metern Entfernung durch die der Bundesstraße übertönt. Letztere ist der einzige Grund, hier nicht mehr her zu kommen.

Die Klos sind purer Luxus - wo (vor allem nach Ende der Hauptsaison, in der das nicht erlaubt ist) viele Tonnen von Gülle auf die Felder gekippt wird, wäre die Kacke von ein paar Kletterern umwelttechnisch kein Problem. An den Wanderwegen gibt es schließlich keine Klos und Wanderer gibt es immerhin noch deutlich mehr als Kletterer.

Weil nicht jeder so verständnisvolle Partner hat, die einem kurz mal eine Woche freigeben, ist der Kiwa- taugliche Zugang für viele die einzige Möglichkeit, mit Partner und evtl. Kind überhaupt das Klettern nicht ganz einstellen zu müssen.

Wer sich über so genannten Klettertourismus echauffiert, der soll mal im Sichtbereich von Schigebieten wie "Les Deux Alpes" wandern gehen. Oder im Winter eine Schneeschuh- bzw. Schitour im Hörbereich der Beschallungsanlagen am Diedamskopf (in Größe eines Einfamilienhauses) machen. Er wird dann ganz sicher ergiebigere Quellen des Ärgers finden. Da müssen wir nicht mal vom Straßenlärm reden.

Ob hochgradig alberne Events wie das passive Abseilen denn wirklich sein müssen, ist eine Frage die sich nicht stellt. Auch Klettern selbst muss nicht wirklich sein. Dass der Autor sowas als hochgradig albern empfindet, liegt Vielleicht nur daran, dass er aus seiner Heimat genug überhängende Abseilstellen kennt. Aber für viele war es ein "unvergessliches" Erlebnis. Und so lange man das in unmittelbarer Nähe des schon länger bestehenden Klettersteigs macht, sollte sich der Naturschutz auch nicht belästigt fühlen.

Was den Umweltschutz schon mehr beeinträchtigt, ist die einzelne Anreise. Normalerweise bekommen die Teilnehmer an veranstaltungen dieser Größe Teilnehmerlisten zugeschickt, um Fahrgemeinschaften zu bilden. Insbesondere für die bergfern wohnenden ist die Anreise oft der größte Brocken der Reisekosten. Man sollte den Ötztal- Touristikern mal sagen dass die Leute das gesparte Geld wenigstens zum Teil lieber am Urlaubsort lassen, an Stelle es am Weg dahin zum Auspuff hinaus zu blasen.

Für viele passt das Klettern nicht wirklich zu veranstaltungen mit 50 Leuten. Mit der in der Natur zu erlebenden Stille ist das nicht vereinbar. Auch deshalb dürften solche "Camps" nicht die große Masse der Kletterer ansprechen. Gleich bei der Anfangsbesprechung am Sonntag wurde die Frage gestellt, was denn passiert, wenn 50 Leute gleichzeitig in Oberried oder an der Engelswand einfallen. Aber es ging ohne Wartezeiten an den Kletterrouten ab.

Ganz ganz fettes Lob an das Team!!!

Das persönliche Fazit des Autors fällt auch positiv aus.
  • Er konnte etwas für seine Klettertechnik tun,
  • seine Sturztechnik professionell überprüfen lassen
  • und für die folgenden Bergtouren noch etwas UV- Eigenschutz tanken und von den folgenden drei Tagen auf der Muttekopfhütte braunge- statt ver-brannt hemkehren.


Die einzige Frage, die auf ewig unbeantwortet bleiben wird, ist: Was haben Paradeiser (auf deutsch Tomaten) mit dem Klettern zu tun? Also warum nennen die das dann "climbers Paradeis"?
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