Hochtourentraining auf der Braunschweiger Hütte

imageNachdem er lange in den Katakomben des www verschollen war, ist er nun aufgetaucht und natürlich sofort online - der Bericht von Bergfan62 über das Hochtourentraining vom 15.7. - 19.7. auf der Braunschweiger Hütte ...

Drei Mädels im Schnee

Am Mittwochmittag wollten drei Mädels (Sandra, Jana und Birgit) und Alex als ihr Hahn im Korb vom Pitztal aus zur Braunschweiger Hütte starten, um dort für Hochtouren zu trainieren, d. h., ihre in Kursen erworbenen Kenntnisse aufzufrischen und zu erweitern. Erstmal aber zwang uns das Wetter - strömender Regen - dazu, es etwas langsamer angehen zu lassen. So ließen wir uns fürs erste im Cafe nieder und warteten bei Cappuccino und Kuchen auf Wetterbesserung. Wir wollten ja nicht schon gleich am Start kräftig eingenässt werden, wir hatten schließlich Urlaub und auch ein “Training” soll ja Spaß machen (was übrigens auch unsere Devise für die ganzen Tage war).

Irgendwann hatte der Wettergott dann ein Einsehen mit uns und wir begannen den Aufstieg. Unter Luxusbedingungen (tja, wenn man die Wahl hat, kann man schwer widerstehen) - denn das große Gepäck konnten wir mit der Materialseilbahn zur Hütte raufschicken. Das ist die Weichei-Variante, ist schon klar, aber das lassen wir gern auf uns sitzen, denn mit unseren großen Rucksäcken und den ganzen Seilen (wofür die eigentlich alle vorgesehen waren bleibt Alex’ Geheimnis) hätten wir schon ganz schön zu schleppen gehabt. Immerhin mussten wir 1023 Höhenmeter hinter uns bringen.

Auf der Hütte angekommen (bei schönstem Sonnenschein übrigens) erwartete uns eine kleine Überraschung: Die Wirtin hatte für uns ein nettes kleines Separee außerhalb der Hütte vorgesehen - nämlich den “Bretterverschlag” in der “Bergstation” der Materialseilbahn. Um es wirklich nett zu finden, brauchte ich eine Weile, Alex dagegen fand es gleich urgemütlich, dort mit drei Damen auf engstem Raum eingepfercht zu sein (wir Mädels alle drei übereinander gestapelt und Alex uns zu Füßen im Auszieh"bett”). Und als der Wirt uns dann noch einen Heizer brachte und wir es uns richtig kuschelig warm machen konnten, konnte man wirklich Gefallen daran finden.

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Weit entferntes Ziel


Der erste Tag droben (Donnerstag) empfing uns mit “Bombenwetter” - sodass unser FÜL entschied, dass wir dieses ausnutzen und gleich mit einer Tour beginnen. Also Gurt dran, Steigeisen und Pickel gegriffen, Sonnenmilch aufgetragen - und los ging’s Richtung Gletscher. Mit dem Ziel Rechter Fernerkogel. (Mit möglichen Aufstiegswegen, den lauernden Gefahren und deren Umgehung hatten wir uns bereits am Vorabend in ausgiebigem Kartenstudium beschäftigt.) Unterwegs erklärte uns Alex vor Ort alles, was man auf so einem Gletscher alles so zu beachten hatte, was uns Wind, Wolken und Schnee verraten konnten und wie man sich in der Seilschaft halbwegs sicher an den Spalten vorbei oder über sie hinweg bewegt. Es war sehr interessant, sodass wir auch nicht allzu enttäuscht waren, dass es letzten Endes nichts mit dem Gipfel wurde. Der Rückgang des Gletschers und damit ein unglaublich loses, brüchiges Gesteinsmeer am Ende des Gletschers ließen die letzten Meter für unsere Gruppe doch zu gefährlich erscheinen. Wir hatten keinen Bock auf Steinschlag oder Abrutschen und Verletzung, sodass wir den Rückweg antraten.

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Scheinbar unendliche Weiten eines Gletschers

Zurück auf der Hütte belohnten wir uns erstmal mit einem wunderbaren “Negerkuchen” (Darf man einen Kuchen überhaupt so nennen?), der uns während der gesamten Tage nicht mehr loslassen sollte, so lecker wie der war (wie die gesamte Verpflegung übrigens).

Auch der nächste Tag (Freitag) begann mit wunderbarem Wetter. Tja, aber ein Experte wie Alex freut sich ja nicht so naiv wie wir über Sonnenschein und blauen Himmel, sondern sieht das drohende Unheil schon kommen. “Wir gehen nicht auf Tour sondern halten uns schön in Hüttennähe auf, spätestens ab 12 Uhr wird es hier mordsmäßig regnen, wahrscheinlich schon früher.” Gäste, die das hörten, schauten uns ungläubig an und werden sich wohl ihren Teil über so einen Spinner gedacht haben. Wir jedenfalls machten uns auf den Weg zu einem nahegelegenen Schneefeld, um dort das Rutschen und Bremsen in allen möglichen Varianten (vorwärts, rückwärts, kopfüber, mit und ohne Pickel) zu üben. Anfangs musste man sich dazu schon etwas überwinden, aber dann hat’s echt Spaß gemacht, wir wurden richtig ehrgeizig haben immer um ganz kurze Bremswege gekämpft. Ich glaube, Alex war ganz zufrieden mit uns. Musste er auch - denn länger hätten wir auch keine Zeit zum Üben gehabt - es fing tatsächlich gegen 11 Uhr an zu regnen, und zwar richtig. Wir zogen uns also in die Hütte zurück, verdrückten erstmal wieder einen Negerkuchen und nutzten dann das Gefesseltsein an die Hütte für intensive Karte-und-Kompass-Übungen. Man kann sich ja Stunden vertreiben mit Koordinaten bestimmen, Marschrichtungszahlen festlegen oder Wegen über den Gletscher suchen. Ich glaube, darin waren wir am Ende ziemlich fit. Und belohnten uns denn auch mit Negerkuchen wink ehe wir dann später doch wieder aktiv wurden und uns noch der Spaltenbergung widmeten.

Das Erwachen am Samstag war dann eher ein böses (obwohl von Alex vorausgesagtes): ca. 40 cm Neuschnee! Und es schneite und schneite. Das war schon der Hammer. (Vor allem für mich, irgendwie hatte ich meine Jacke schlecht imprägniert und sie saugte wie ein Schwamm die ganze Nässe auf. Aber wir hatten ja die Gore-Fachfrau dabei und haben so gleich noch ein wenig Textilkunde gemacht.)
Alle Gäste auf der Hütte (in der Regel sind das E5-Wanderer, und diese in unglaublichen Massen) saßen mehr oder weniger fest. Uns konnte das Ganze allerdings nicht wirklich bremsen, denn wir konnten nun unter wirklich sehr realitätsnahen Bedingungen “trainieren”. Allerdings war es schon die erste Herausforderung, in unseren Hüttenschuhchen die tief verschneiten 10 m zur Hütte zu überwinden, aber die Rundumbetreuung durch unseren FÜL reichte so weit, dass er uns erstmal unsere wetterfesten Schuhe aus dem Trockenraum brachte, damit wir unser “Separee im Schnee” verlassen konnten.)

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Tags zuvor saßen hier noch die Gäste im Sonnenschein

Die Sichtverhältnisse und Schneemengen waren schlecht genug, um das Gehen nach Marschrichtungszahlen und Auffinden von von Alex festgelegten Punkten zur echten Herausforderung werden zu lassen. Aber auch hier haben wir uns wacker geschlagen, zumindest im Peilen waren wir gut - im Entfernungsschätzen haben wir aber noch einige Reserven entdeckt (die Differenzen, die wir dabei untereinander so hatten, brachten uns manches Mal zum Lachen). Irgendwann stoppten uns dann die Verhältnisse erneut, es wurde richtig gefährlich und wir suchten die warme, sichere und trockene Hütte auf. Aber nur kurz, denn Alex genoss es sichtlich, uns die Spaltenbergung unter diesen Verhältnissen und bei so viel Neuschnee üben zu lassen. Wir haben ganz schön gekämpft, aber es ziemlich gut hinbekommen. Es war natürlich ideal, dass wir nur drei Teilnehmer und somit eine Seilschaft waren - Alex konnte sich voll auf uns konzentrieren und hatte uns immer im Auge. So entging ihm kein vergessener Knoten oder falsch eingehängter Karabiner. Und wir waren stolz auf uns, dass wir uns den widrigen Bedingungen vor der Tür ausgesetzt hatten - andere Gruppen übten im Treppenhaus der Hütte!

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Realitätsnahe Spaltenbergung

Den Abend vertrieben wir uns bei Würfelspiel und Tischbouldern (nur Alex, der unsere Ehre gerettet hat, wir haben gekniffen).

Der Sonntag verhieß dann wieder besseres Wetter - allerdings waren die Bedingungen nicht ungefährlich (Spalten nicht mehr sichtbar, Lawinengefahr) und da es sowieso unser Abstiegs- und Abreisetag war, verzichteten wir auf eine Tour und gaben uns vor dem Abstieg bei Postkartenwetter und Traumsicht noch mal der Spaltenbergung hin - ohnehin eines der Hauptanliegen des Trainings. Zumindest am Ende dieser Übungstage haben wir das dann ziemlich perfekt beherrscht.

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Das soll Spaß machen?

Fazit und einhellige Meinung: Auch wenn das Wetter nicht gerade Juli-typisch war und wir nur eine Tour unternehmen konnten und mit keinem Gipfel im Tourenbuch aufwarten können (aber das war ja auch nicht der eigentlich Sinn und Zweck dieser Aktion): Solch ein Training ist eine tolle Sache, es ist gut, irgendwann mal Gelerntes zu üben. Nach anfänglicher Skepsis erwies sich die Hütte dafür als gut geeignet, wir haben viel gelernt (auch aus vielen kleinen interessanten Nebensätzen und Zusatzinformationen unseres FÜL am Rande) und trotzdem viel Spaß dabei gehabt. Ein solches Training macht wirklich Sinn, man sollte so etwas ruhig öfter mal machen.

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Für’s Auge hübsch anzuschauen, zum Gehen nicht ungefährlich. Und bald ist der Berg (Linker Fernerkogel) eh verschandelt - man plant eine Seilbahn hinauf in die bisher unverbaute Idylle!

mali, 09.09.2009 00:41