Runterrauschen soll man da lieber nicht, die bricht ins Leere ab, doch dank festen Trittfirn sehen wir das ganze recht unproblematisch und ich glaub, der Gipfel ist jetzt auch für mich wieder drin. Relativ zügig kommen wir durch die Hälfe der Rinne durch, Angelika und Alex in Wechselführung, ich hinterher. Plötzlich ein Rufen von Angelika, ich spring reflexartig zur Seite, Schnee kommt auf mich zu, es geht abwärts. Alex rauscht sich bereits überschlagend an mir vorbei und ich komm nach 3 oder 4 Metern wieder zum stehen. Ein Blick nach oben, Angelika steht fest da, doch unter uns nur eine Schneewolke!
SCHEISSE!
Der Schneestaub legt sich. Ca. 100 Meter unter uns bewegt sich was und auf Zuruf winkt Alex herauf, vielleicht 50 Meter bevor die Rinne abbricht. Gott sei Dank und jetzt erst mal durchschnaufen. Angelika kommt zwar etwas aufgeregt, trotzdem sicheren Tritts zu mir und wir steigen zu Alex ab, der schon wieder Rauchzeichen von sich gibt. „Na so schlecht wird’s ihm dann schon nicht gehen!“. Als wir uns wieder verständigen können wird das bestätigt und wir beginnen mit der Suche nach Ausrüstung von Alex, 1 Steigeisen, 2 Stöcke, Mütze und Brille fehlen. Bis auf einen Stock und die Mütze ist nichts mehr da. So schnell als möglich bewegen wir uns aus Rinne raus an einen recht sicheren Punkt. Boah, das hätte ganz schön schief gehen können. Wie konnten wir nur den Triebschnee in der Rinne so unterschätzen. Der Blick zurück: Von ganz oben hat sich das Schneebrett in der linken Seite der Rinne gelöst, Anrisskante vielleicht nur 15 cm, aber dann sicher 100m lang und wahrscheinlich von uns ausgelöst. Das reicht wenn sich der ganze Schnee in der Rinne sammelt. Obwohl der erste Gedanke von Alex war, „Mist, jetzt muss ich den ganzen Scheiß wieder rauf“ verzichten wir nun gerne auf den Gipfel.

Der Weiterweg in der Rinne!
Der Absturz von Alex. Die Steilheit wird auf dem Bild nicht vollständig vermittelt
Überlebt!
Das weitere potentielle Absturzgelände von unten!Recht vorsichtig steigen wir zum Skidepot ab und sammeln uns. Ein Blick auf den Lawinenkegel: Uiii, liegt denn da nicht noch was? Ein Stock und das zweite Steigeisen finden sich, nur die Brille und ein paar Nerven lässt Alex am Berg.

Ausrüstungssuche im Lawinenkegel! Es hilft nichts, wir müssen runter, aber das Ganze jetzt mehr als zurückhaltend. Da mittlerweile grundsätzlich Hubschrauber aufsteigen, wenn Alex in die Alpen aufbricht, fliegt auch schon einer über uns herum. Der wird doch nicht uns suchen? Woher soll denn jemand wissen, was passiert ist? Wir fahren weiter abwärts, werden auch noch etwas geschockt, dass unsere Aufstiegsspur mittlerweile durch ein paar Nassschneelawinen verschüttet ist. Aber jetzt runter, weiter mit gebotener Vorsicht und Mulden nur einzeln querend waren wir schon lange nicht so froh wieder an der Hütte zu sein.
Das Erste: Ein Geburtstagsschnaps für Alex. Der Hüttenwirt erzählt uns, dass er mal den Hubschrauber nach uns schauen ließ, weil wir nun doch schon recht lang unterwegs waren. Wie recht er beinahe gehabt hätte. Noch ein kurzer Gesundheitscheck, das Knie von Alex ein wenig lädiert, aber das vergeht wieder. Und obwohl bei Angelika und Alex noch ein Tag mehr geplant war, wird eine Heimfahrt jetzt vorgezogen. Alex und ich beschließen in Zukunft lieber wieder richtige Touren wie Ortler-Nordwand oder McKinley zu machen, das ist wenigstens sicherer als so ein Dreck im Kaunergrat. Doch während oben am Skidepot noch die Spruch: „Nie mehr Rofelewand!“ propagiert wurde, wird jetzt schon „von einem Sack da oben“ gesprochen. Yak, wann hast Lust?
Wer ist Schuld?

Klar, wer sonst?
Erstens weil er immer Schuld ist und zweites hat er was von Granatspitzgruppe getextet, also mussten wir natürlich höher rauf!
In Relation zu den Ereignissen am Tag, verlief die Talabfahrt und Heimreise echt unspektakulär. Warum hat Alex beim Einsteigen ins Auto das VS-Gerät eigentlich immer noch dran. Meine Magnesium-Tablette war inzwischen auch verdaut und deshalb konnte ich beim Mäkki in Garmisch „das ganze Sortiment einmal bitte“ bestellen, denn man bedenke: Wenn ich da heute gestorben wäre, hätte ich dieses tolle Fast-Food wahrscheinlich nie mehr zu mir nehmen können.
Fazit: ÜBERLEBT! Der Sektion gratuliere ich, dass sie nun einen vorsichtigen und verantwortungsbewussten Tourenreferenten hat. Und vielleicht sollte ich in Zukunft einfach umkehren, wenn mir nicht mal mehr ein Fischmäc schmecken würde.
Ja, zugegeben, manchen mag der Tourenbericht etwas makaber vorkommen, aber es tut mir gut, das Erlebte zu verarbeiten.
Viele Liebe Grüße von climby