Eigentlich habe ich die durchaus berechtigte Kritik an zuviel Mäkki- und Heldengetue und der geringen dargelegten Selbstreflexion nach dieser absolut gefährlichen Situation schon viel früher erwartet. Ich mache jetzt aber schon seit über 10 Jahren Skitouren und es darf keiner glauben, dass ich mir darüber keine Gedanken gemacht hätte. Wer genau liest, kann es schon rauslesen, wir haben den durch den Wind entstandenen Triebschnee unterschätzt.
Aber erst mal Analyse nach den Fakten. Ich beschreibe jetzt einfach mal die beiden mir bekannten Methoden, Snowcard und Reduktionsmethode, und bin dabei gerne für neue Ansätze offen. Grundlage beider ist der Lawinenlagebericht. Da wird es bereits schwierig. Uns lag zum Start der Tour nur der Lawinenlagebericht von Freitag vor, denn wir starteten eh schon recht spät um 6:30 Uhr an der Hütte, der neue Bericht kommt aber erst gegen 7:30 Uhr und ein Handynetz auf dem Weg zur Rofelewand ist unrealistisch. Ein späterer Aufbruch nur um einen neuen Bericht zu erhalten, ist aufgrund der Gefahr von Nassschneelawinen am Nachmittag kontraproduktiv
Ich habe meine Kritik daran schon oft auf Fortbildungen und dabei sogar bei Mitarbeitern des Lawinenwarndienstes angebracht, dass man bei Frühjahrstouren üblicherweise mit einem Lawinenlagebericht unterwegs ist, der mehr als 24 Stunden alt ist. Sicher sind die Daten über Schneehöhe, Wind usw. dann nicht so aktuell, trotzdem gefällt mir das Schweizer System mit einem täglichen Lagebericht gegen 16:00 Uhr besser
Lawinenlagebericht für Tirol vom Freitag, 30.03.07:
Zitat:Unverändert überwiegend günstige Lawinensituation bei leichtem tageszeitlichen Anstieg der Gefahr
Allgemeine Gefahrenstufe: 2
Arlberg-Außerfern: <2200m 1 -> 2, >2200m 2
Nordalpen: 1 -> 2
Kitzbüheler Alpen: 1 -> 2
Silvretta-Samnaun: <2200m 1 -> 2, >2200m 2
Nördliche Ötzaler und Stubaier Alpen: <2200m 1 -> 2, >2200m 2
Südliche Ötztaler und Stubaier Alpen: <2200m 1 -> 2, >2200m 2
Tuxer Alpen: <2200m 1 -> 2, >2200m 2
Zillertaler Alpen: <2200m 1 -> 2, >2200m 2
Osttiroler Tauern: <2200m 1 -> 2, >2200m 2
Zentral Osttirol: <2200m 1 -> 2, >2200m 2
Osttiroler Dolomiten: <2200m 1 -> 2, >2200m 2
Besonders gefährdete Hangbereiche: N, NO, NW >2200m
Beurteilung der Lawinengefahr:
Oberhalb etwa 2200m herrscht meist mäßige Gefahr, darunter sowie in den Regionen der Nordalpen und der Kitzbüheler Alpen allgemein geringe Gefahr. Gefahrenstellen für den Wintersportler sind dabei noch in sehr steilen bis extrem steilen Schattenhängen anzutreffen, wo Schneebrettlawinen besonders an Übergangsbereichen von wenig zu viel Schnee und dann vor allem durch große Zusatzbelastung ausgelöst werden können. In den übrigen Hangrichtungen ist die Schneedecke meist recht stabil und verliert erst wieder mit zunehmender Durchfeuchtung am Nachmittag etwas an Festigkeit. Ganz vereinzelt können dann aus extrem steilen sonnenbeschienenen Hängen wieder kleine Nassschneerutsche abgehen.
Schneedeckenaufbau:
Während der Nachtstunden konnte sich die in sonnenbeschienenen Hängen zumindest oberflächig durchfeuchtete Schneedecke wieder abkühlen und damit verfestigen. Der Deckel ist dabei in Nordtirol meist tragfähig, in Osttirol tendenziell weniger häufig. Schattseitig hat sich unverändert in steilen Schattenhängen oberhalb etwa 2300m Pulverschnee halten können. Derzeit für Lawinenabgänge bedeutsame Schwachschichten innerhalb der Schneedecke finden sich vor allem noch in Schattenhängen oberhalb etwa 2200m. Dort ist in Bodennähe meist eine ausgeprägte hohlraumreiche Schwimmschneeschichte vorhanden, die u.a. auch als Gleitfläche für die letzten zwei Lawinenereignisse mit Personenbeteiligung gedient hat. In sonnenbeschienenen Hängen ist derzeit eine sehr harte Schmelzharschkruste in die Schneedecke eingelagert, die die Schneedecke allgemein recht stabil macht.
Alpinwetterbericht der ZAMG-Wetterdienststelle Innsbruck:
Am Vormittag in den Nordalpen einwandfreies Bergwetter. Ab etwa Mittag setzt die Quellwolkenbildung ein. Am Alpenhauptkamm besonders östlich des Brenners sowie in den östlichen Dolomiten bis in die Berge Osttirols trübt es markant ein und Niederschläge kommen auf, über etwa 1500m fällt Schnee. Temperatur in 2000m -4 bis +1 Grad, in 3000m -9 bis -7 Grad. Schwacher bis mäßiger Südostwind.
Tendenz:
Nach leichtem Schneefall kurzfristig vermehrte Aktivität von Lockerschneelawinen. In Summe jedoch weiterhin gute Bedigungen.
Snowcard:
Die Warnstufe 2 ist klar und auch bei mehrmaligem Durchlesen spricht bei dieser Tour alles für den günstigen Bereich, da es sich definitiv um keine schattseitige Lage handelt. Bei einer Rinne bis 40° sind wir also im gelb-grünen Bereich, was meines Erachtens immer noch machbar ist.
Reduktionmethode (sieht noch besser aus):
Gefahrenpotential: LWS2 entspricht 4,
Erstklassig: Reduktionsfaktor 2, 35-39° (Rinne laut Steiger-Führer bis 40°, aus der AV-Karte nicht messbar)
Zweitklassig: Reduktionsfaktor 4, Verzicht auf die im Lagebericht genannten Hanglagen
Drittklassig: Reduktionsfaktor 2, Kleine Gruppe
Kommen wir auf ein Risiko von 0,25, unter 1 gilt als akzeptiert. Selbst wenn wir den Erstklassigen Faktor weglassen, weil die Rinne vielleicht doch steiler ist, kommen wir auf 0,5.
Also von den Fakten her waren wir eigentlich beim akzeptierten Restrisiko! Ob wir nach dem Samstagsbericht schon in der ungüstigen Exposition gewesen wären, finde ich jetzt recht schwierig zu bewerten, aber er lag wie schon gesagt nicht vor.