Walliser Hörnchen und Pleiten
(August 2007)
"Kinderbishörnchen" hat Climby immer gesagt. Also genau richtig, wenn das Fußvolk einen 4000er braucht und den ohne westalpenerfahrene Aufsicht organisieren und durchführen will. Auf der To-do-Liste stand der Hügel schon lang, und netterweise fanden Volker aus der Outdoorgruppe und Alex (Mali) sich bereit, im Austausch für die Tourenorganisation vorübergehend ein weit weniger sportliches Gehtempo zu tolerieren, als die beiden durchtrainierten Rennsemmeln normalerweise vorlegen können . Übrigens fand sich auch für die zeitlich sportliche Variante des Gipfelsturms dann noch Gelegenheit... doch gemach.
Vor der Tour kommt bekanntlich die Logistik, will sagen lange Recherchen und Tourenkonzept-Excel-Dateien...
Meinen Telefonaten mit der Tracuit-Hütte folgten unendliches Mail-Hochwasser und allerlei Hin und Her... Da galt es, Urlaub angemessen zu füllen und individuelle Tourenkombinationen und Fahrgemeinschaften unter einen Hut zu kriegen.
Und natürlich die Wetterfrage... "Saumäßiges Wetter angesagt" - "Meteo meldet ab Donnerstag Wetterbesserung, Wochenende recht schön" - "Neuschnee bis mindestens runter auf 2500m!" - "Also vor Donnerstag aufbrechen macht keinen Sinn" ... nun gut, dann entfiel eben die Eingehtour, wir starteten einen Tag später als geplant, was sowohl Alex und mir ganz recht war.
Bishorn
Am 9. August ging es dann los, bei grauem und feuchtem Wetter. In Bregenzn natürlich Stau. Die Fahrt durch die Surselva war dann fast schön, so dass wir für die "Südseite" hinterm Furka die schönsten Hoffnungen hegten - Pustekuchen, Wolken und Geniesel. Feuchtcamping? Nein danke... Die Touristeninfo in Susten war erfreulich nett und kompetent besetzt und wusste ein wasserfestes Billigquartier: Der Reitverein Waldmatten in Leuk-Susten verfügte über eine Holzbaracke mit uralten Gebrauchtmöbeln, angemessener Enge und fließend Warmwasser gleich gegenüber dem Pferdestall, wo wohl normalerweise vorpubertäre Mädels ihre Hottehüh-Wochenenden verbrachten, man aber auch günstig (20 CHF) übernachten konnte.

Morgens schien die Sonne - und beleuchtete schneebedeckte Hänge bis weit hinunter. Oje. Obligatorischer Stau bei Visp.
Na, erstmal rauffahren nach Zinal - auch da alles weiß.

Letzter Rucksackcheck am Parkplatz an der Navisence (1155m), gleich hinterm Zeltplatz sollte der Einschlupf sein... hm. Da war erstmal Straße, und nicht ganz klar, was Hauszufahrten waren und was weiterführte... stand ja auch bloß ein dicker Wegweiser da, ganz ästhetisch aus Holz und im Schatten und deshalb vielleicht nicht ganz so auffällig wie die sonst allgegenwärtigen gelben Schilder .
Zunächst ging es ganz zivil einen eher gemütlichen Bergsteig hinauf, der sich in steilen Serpentinen den Hang hochzog, bis er oberhalb der aktuellen Schneegrenze die Alpe Combautanna erreichte, ein weites Becken, durchzogen vom breitaufgefächerten Torrent du Barmé, an dem Rinder weideten, soweit der Schnee das zuließ. Am nördlichen Hang dieser Riesenmulde ging es zunächst sanfter nach oben, jetzt schon durch Schnee, Matsch oder rieselnde Taubäche. Ein Hirtenunterstand lud zur Pause (2600m), danach führten die Spuren zunehmend steiler auf den Südwestgrat des Tete de Milon zu...

... durch immer mehr Schnee (Petrus sollte sich endlich mal kalenderkundig machen, wir haben August!!!)...

... und zuletzt durch ein paar Meter nassen Fels (mit Eisenkette gesichert, obwohl es Griffe und - kleine - Tritte genug gab) über den Col de Tracuit (3250m) zur Cabane de Tracuit (CAS).

Das ist ein charmant-uriger Kasten alten einfachen Stils, bei gutem Wetter meist gut gefüllt, da man von hier aus halt so leicht zu einem Gipfel mit der magischen 4 am Anfang der Höhenmeterzahl kommt, vorausgesetzt, man hat den saftigen Hüttenanstieg hinter sich gebracht. Die Toiletten sind einige Meter außerhalb, fließendes Wasser gibt es noch weiter von der Hütte an einem Brunnen, den der Hüttenwirt spätnachmittags 2-3 Stunden laufen lässt. Mehr Hygiene is nich... Die meisten Teammitglieder waren freundlich und zuvorkommend (besonders das Baby...), man kommt gut mit Deutsch zurecht, falls man zu wenig Französisch kann, und die Belegschaft hat auch bei vollem Haus die Sache voll im Griff.
Fürs Weisshorn wird um 2 Uhr, fürs Bishorn um 5 Uhr geweckt. Folglich gab es gegen 6 Uhr gewaltigen Seilsalat vor der Hütte und schönstes Morgenlicht überm Bishorn:

Zum Gipfel zog sich dann eine lückenlose Karawane... Das gemächliche Tempo kam mir ja anfangs sehr entgegen, aber es mutierte bald zu einer Art Den-Gipfel-hinauf-Spazierenstehen, denn in holder Ahnungslosigkeit über die Hochtourenverkehrsregeln blieben etliche Seilschaften fürs Foto, Päuschen oder sonstige Marscherleichterungen (nein, nicht die!) einfach mitten in der Spur stehen. Ca va, vorbei konnte man auch nicht (es sei denn, eine Seilschaft pausierte zur Abwechslung mal neben der Spur), da es erstens zu viele waren, und ich zweitens keinen Gewaltspurt hinlegen konnte... also Landschaft bewundern und gleichfalls fotografieren.

Da wir eher im hinteren Teil der Karawane raufstapften, bekamen wir eine perfekt stufengetretene Spur, wohl anfangs von den wenigen angelegt, die schon am Vortag trotz da noch sehr ungünstiger Verhältnisse da raufmarschiert waren. Nur im oberen Teil musste frisch gespurt werden - von der Spitze der Karawane. Manchmal rechnet es sich eben doch, weiter hinten zu sein...
Zwischendurch pfiff es bei strahlender Sonne gewaltig und blies uns den Triebschnee um die Ohren, es war gar nicht so einfach, immer das Gleichgewicht zu halten. Die größte Spalte findet sich unterm letzten Gipfelhang, war aber breit und fest überbrückt... trotzdem wurde ich ganz nervös, als einer nach dem anderen seelenruhig darauf herumstand.

Foto: Volker
Oben war es phantastisch - Sonne, glasklare Sicht in alle Richtungen nach dem Niederschlag der letzten Tage, und - oh Wunder! - kaum Wind!

Gleich nebenan leuchtete frisch geweißt das Weißhorn vor der Monte-Rosa-Gruppe und den Südwestausläufern der Mischabelkette...

... und ganz im Hintergrund (Mitte) der Montblanc:

In der anderen Richtung das Berner Oberland:

jetzt krieg ich endgültig nen mausarm.
also, wen es interessiert, bitte hier weiterlesen:
http://www.steinziege.de/suedschweiz/07_augustwallis/walliser_hoernchen.htmservus
gisela