Eigentlich sollte es ja der Piz Bernina werden.
Da der Spallagrat aber neuesten Beschreibungen zufolge mal eben, ohne uns zu fragen, den Schwierigkeitsgrad erhöht hatte, planten wir um - stehen ja noch genug interessante Hügel rum um den Piz B.
(Hätten wir rechtzeitig vorausahnen können, dass der Piz B. samt Spallagrat gerade ideale Verhältnisse aufwies - wer weiß?).
Samstag, 2. August, Chamanna da Boval (2495m)
Zu christlicher Zeit (7 Uhr) ging es los, bei trübem Wetter. Kompletter Wahnsinn, am ersten bayerischen Ferientag gen Süden zu starten. Wir hatten auch bloß freie Fahrt bis Morteratsch, allenfalls ein bisschen "stockenden Verkehr" am Fernpass...
Gegen 15 Uhr schlugen wir - bei Sonne! - am Parkplatz in Morteratsch auf, Manfred, der das Motorrad bevorzugt hatte, traf eine halbe Stunde später ein. Gut, dass ich eine relativ zierliche Karrosse fahre, die passte samt Motorrad auf EINEN Parkplatz, was die beträchtlichen Parkgebühren für uns vier etwas reduzierte (1. Tag 7,50 CHF, alle weiteren 6,00 CHF, wenn ich mich richtig erinnere).
Da isser ja - der Biancograt!

Der Hüttenaufstieg zog sich etwas, aber schön.
Die Bovalhütte (2495m) ist noch eine eher einfache Berghütte, kein Gasthof, mit gemischtem Publikum vom Kletterer bis zur Familie mit Kleinkind, gutem Essen, genug Haken in den Lagern, nettem und kompetentem Hüttenteam und einem auskunftsbereiten und sachkundigen Wirt - also uneingeschränkt zu empfehlen (bis aufs eiskalte Wasser in den Waschräumen, aber das ist nunmal so in solcher Lage).
Den Abend verbrachten wir in Betrachtung des Hanges über der Hütte - Vorbereitung auf die Eingehtour. Im Netz war keine Routenbeschreibung auf den Piz Boval zu finden gewesen, die obligatorische Lakonie des SAC-Führers war nicht zu überbieten. Von unten hatten wir eine schuttspeiende Scharte im Felsriegel, der sich vom Corn Boval schräg aufwärts zog, in Verdacht (lila Pfeil).
Da konnten wir lange suchen: Die richtige Scharte (der Wirt hatte was von "direkt westlich des Corn Boval" gesagt) war von hier aus nicht wirklich zu sehen (rechts vom roten Pfeil hinterm Corn Boval)...

Das Abendessen verlief etwas gedrängt in ständiger Kollision mit der Gastraumtür, da das Hüttenteam ALLE Gäste in EINER Schicht untergebracht hatte, so dass wir 14 Personen an einem Tisch waren, vor allem eine große DAV-Gruppe aus Konstanz, die morgen den Morteratsch angehen und dann weiter zum Piz Bernina wollte, darunter eine junge Frau, die gerade die Ausbildung zum FüL Bergsteigen machte und ganz begeistert war vom Piz Kesch.
Sonntag, 3. August, Piz Boval (3353m)
"Ausschlafen" bis 6:30 Uhr. Dann erstmal auf sichtbarem Steig den Grashang über der Hütte hoch ins Geröll, dort in einer Mulde erstes Päuschen - und Pfadfinden erwies sich als ganz einfach. Geradeaus führten Steinmänner auf den berühmten Piz Morteratsch, und, wer hätte das erwartet, nach rechts in Richtung des unberühmten, wohl eher wenig begangenen (der Wirt war da noch nicht gewesen) Piz Boval standen auch ein paar herum... Der Rest war klar, die Schuttrampe hoch, durch besagte Scharte kraxeln, dann einen Mix aus Schichtfels, Blockwerk, Schutt relativ einfach (I und Gehgelände) den Ostgrat hoch zum Gipfel.
Manchmal gab es sogar Steigspuren. Nur eine optisch scheinbar ganz harmlose Kletterstelle nach der Scharte tückte ein bisschen - der Fels drängte ab, alles war abwärts geneigt und die Griffe saßen nicht ideal (s.u.). Dafür war die Aussicht da oben phantastisch...
Piz Morteratsch
PanoramaMittlerweile waren wir gut durchgebraten, was uns nicht hinderte, oben zwei Stunden Siesta zu halten, bevor wir uns an den Abstieg machten.
"Schlüsselstelle" - schaut gar nicht so aus, aaaber...Abends auf der Hütte gab es heute schon mehr Ellbogenfreiheit. Allerdings erzählten die Morteratsch-Rückkehrer samt angehender Fachfrau wilde Schauergeschichten von der Tour: senkrechte Platten im 3. Grad mindestens, im unteren Teil richtig schwer, aufgeweichter Steilfirn usw. Man konnte Frank deutlich ansehen, wie die Bedenken wuchsen... Aber Herbert kannte die Tour bereits aus eigener Erfahrung, das bildete ein schlagendes Gegengewicht, und ich verließ mich darauf, dass Climby das anders beschrieben hatte. Es blieb dabei: morgen Richtung Morteratsch, umkehren kann man im Zweifel schließlich immer.
Montag, 4. August, Piz Morteratsch (3751m)
Um es vorwegzunehmen: Es wurde eine richtige Traumtour, keiner hatte irgendein nennenswertes Problem, und von "3. Grad" konnte keine Rede sein . Morgens fing es schon mal gut an...

Aus besagter Geröllmulde (ca. 2900m) folgt man den Steinmännern nach Westen. Bald kommen die ersten Platten, garniert mit einigen echt antik rostfarbenen riesigen Eisenstiften. Hat man die überwunden (die Platten, nicht die Stifte...), quert man nach Südwesten aufwärts Richtung Fuorcla da Boval (3347m), überwiegend über ein breites Geröllband, bis zur langen Plattenpartie unter der Scharte.
Von unten sehen die Platten in der Tat fast senkrecht und abweisend glatt aus, aber wie so oft, lehnen sie sich beim Näherkommen ganz komfortabel zurück und ermöglichen mit jeder Menge Struktur seilfreies Genusskraxeln vom Feinsten:

Öfter begegneten wir einem Abseilring, so dass auch für den Spaß beim Abstieg gesorgt schien.
Hinter der Scharte pfiff es erbärmlich. In einer Schneemulde wurde angeseilt usw., dann ging es hinter einem Turm südlich der Scharte gleich steil den Gletscher hinauf, meist guter Trittfirn, mit einer kleinen Blankeisstelle.

Dann querte die Spur ein bisschen nach Südsüdost (jetzt waren wir entschieden zu warm eingepackt!), um zuletzt in südsüdwestlicher Richtung geradeaus auf den Gipfel zu ziehen, zwischendurch nochmal recht steil (größte Steilheit insgesamt je nach Führer 40-45 Grad). Die Verhältnisse waren erstklassig: knuspriger Firn (nur in der sonnigen Querung etwas weicher), gute Spur, wunderbare Fernsicht.
Steigeisen aus und rauf auf das Blockwerkhäufchen, das den eigentlichen Gipfel bildet.

Das Panorama war fantastisch, wir haben bestimmt alle zig Fotos von Biancograt...

Palü, Bellavista gemacht.

Im Südwesten sah man die Sciora-Berge des Bergell, die Badile-Nordkante deutlich zu erkennen, im Nordwesten grüßte als erratischer schwarzer Block der Piz Kesch, und gaaanz im Westen "schwebte" in der Ferne Monte Rosa über den Wolken - leider wurden die Fotos nicht gut genug, um sie hier einzustellen.
Beim Abstieg gönnten wir uns erstmal eine kleine Auszeit direkt unter der Bovalscharte, wo der Wind nicht hinkam - die reinste Aussichtsloge mit Komfort-Steinsofas, wir wollten gar nicht mehr aufstehen.
Nach Abklettern von der Scharte begann der amüsante Teil der Tour, "Abseiling" über die Platten.
Immer, wenn die 50 (also 25) Seilmeter zu Ende waren, tauchte pünktlich der nächste Ring auf, zwischendurch kletterten wir auch nochmal das eine oder andere Stück ab. Abgesehen von einem oberhalb des Achters gelegten Prusik ("ich weiß nicht, das Seil läuft einfach nicht durch..." - das letzte Mal war halt etwas lange her gewesen) keinerlei Problem. Achso, doch, die Stifte... wo legt man da das Seil ein, ohne dass es sich irgendwo festklemmt? Aber bei so viel geballtem Ingenieurs-Knowhow fand sich auch hier eine funktionelle Lösung .

Ich glaube, an dem Tag waren wir alle einfach nur glücklich...
besonders, als wir - auf der Flucht vor einer Massenumzingelung durch sicherlich furchtbar nette, aber auch furchtbar laute Niederländer beim Abendessen - im Nebenzimmer einen ruhigen, ganz unbesetzten Tisch fanden, wo man sich wieder unterhalten konnte.
Fortsetzung s.u.