Bergsteigen in Bulgarien


Bergsteigen in Bulgarien - das klingt etwas abenteuerlich und nach völlig unbekannter Gegend -
Selbst im Netz findet sich eher wenig darüber. Dabei sind es nur ungefähr zwei Flugstunden ab Deutschland bis Sofia - nicht mehr als bis in die Pyrenäen oder nach Sizilien.

Auf diesen Weg haben sich Jutta, Anna, Undine und Werner unter Karstens Führung gemacht. Karsten und Werner haben darüber einen Tourenbericht mit vielen Bilder verfasst.

So geht’s also Samstag Früh zum Flughafen, wo mich Karsten als Profi bei der ganzen Eincheck-Prozedur überholt.
Kaum aus dem Flughafen in Sofia raus, kommt auch schon ein Bus, der uns in ca. einer Stunde für ganze 2 Lewa - gerundet 1 € - ins Stadtzentrum bringt.
Später treffen wir erst Jutta in unserem Quartier, anschließend Anna und Undine, um uns erst mal kennenzulernen und die nächste Woche zu besprechen. Für Jutta und mich gibt es anschließend eine exclusive Stadtführung, die wir mit einkaufen von Tourenverpflegung verbinden. Dabei lernen wir auch etwas über einheimische Nahrungsmittel: es gibt außer Obst und Gemüse gelben und weißen Käse, verschiedene Salami und Weißbrot.
Fürs Abendessen wird mein Vorschlag (da es sich immerhin um eine offizielle Veranstaltung handelt), einfach zum goldenen M zu gehen abgelehnt und damit eine Sektionsregel nicht eingehalten. wink
Fast die Hälfte des Sonntags verbringen wir in Bussen, die uns nach Melnik bringen. Melnik liegt am Südrand des Pirin - von hier aus sind es nach Griechenland nur noch ein paar Kilometer.
Zum Ausgleich unternehmen wir in der Nachmittagshitze eine Wanderung zum Rozhen-Kloster, das wir ziemlich nassgeschwitzt erreichen. Erst mal ist anständig anziehen fällig - in orthodoxen Klöstern müssen Schultern und Knie bedeckt sein.

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Auf dem Weg zum Kloster kommen wir an ziemlich abenteuerlichen Felsformationen vorbei - irgendwie ein Zwischending zwischen zusammengepapptem Sand und Nagelfluh. Die Idee, an den Dingern zu klettern, scheitert an mehreren Gründen:
a) wir haben kein Kletterzeug dabei - wir sind ja zum Wandern hier
b) es ist verboten - Naturschutzgebiet
c) es ist mehr als bröselig und schließlich
d) in dem Gebiet leben mit den Sandvipern die giftigsten Schlangen Europas - und die verkriechen sich tagsüber gern in den Löchern im Fels, die vielleicht auch als Grifflöcher taugen würden

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Am nächsten Tag geht’s los - wir müssen von ca. 360 m Seehöhe auf über 1700 Meter über Null, und dabei auch über 20 km Strecke zurücklegen.

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Die Landschaft ändert sich dementsprechend schrittweise von stacheliger Mittelmeervegetation hin zu fast schon alpentypischem Bergwald.
Im unteren Teil findet sich aber zunächst noch ein eher alpen-untypischer Vertreter der Tierwelt:

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Kurz vor der Mittagspause ergänzt eine aus den Alpen bekannte Vertreterin die Tierbeobachtungsliste: eine Kreuzotter kreuzt unseren Weg.
Als wir weiter gehen, beginnt es zu regnen - und daran sollte sich auch in den nächsten Stunden nichts ändern. Besonders fies: Bis in Wadenhöhe wächst reichlich Strauch- und Krautzeugs,welches sich darüber freut, dass wir die Nässe von ihm abstreifen. Das Ergebnis findet sich dann bevorzugt in unseren Schuhen - hätten wir doch mal Gamaschen mitgenommen… Erst als wir eher unbemerkt auf die andere Seite des Kamms wechseln, hört es langsam auf. An der Hütte Pirin sind die Klamotten nur noch recht feucht - und vor allem über und über voll Schlamm. Waschtag ist angesagt:

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Am nächsten Morgen klagt Anna über die Folgen eines Virus, den sie sich eingefangen hat. Ob es nun an den allzu verlockenden Walderdbeeren, Himbeeren und Blaubeeren entlang des Weges lag? Wer weiß das schon… Trotzdem gehen wir los und überschreiten mit der Demirkaska Porta unseren ersten 2400er-Übergang - mit Ausblick auf einen Teil der Tour der nächsten Tage.

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Nachmittags schwächelt Anna aber arg, so dass wir in der Folge den Lift zur Godze Delcev Hütte verpassen.
In ihrem Zustand sind weder absteigen noch ein Notlager in der ausgebuchten Hütte Bezbog vernünftig, so dass Karsten dank seiner Sprachkenntnisse einen Transport mit einem russischen, geländegängigen Transporter organisiert.  Die Fahrt wird recht wacklig und langsam - meist geht’s im ersten Gang mit Untersetzung dahin.

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Dafür gibt es Komfort wie bei uns auf einer Hütte der Kategorie II.
Zum Frühstück verdrücken wir erst mal die Joghurtvorräte mit leckerer Blaubeermarmelade - zum Erstaunen des Hüttenpersonals. üblicherweise ist das dort der Nachtisch zum Abendessen.
Annas Zustand hat sich leider nicht gebessert, so dass sie zusammen mit Undine ins Tal zur Apotheke führt.

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In der Hütte Godze Delcev ist man offenbar auf Anna vorbereitet wink

Wir nehmen zu dritt erst mal den Sessellift zurück zur Hütte Bezbog, dann geht’s über drei Jöcher zur Hütte Begovitza. Hier zeigt sich der Unterschied zwischen AV- und bulgarischen Karten. Der zweite Übergang ist 80 Meter höher als angegeben, danach geht’s wieder 300 Höhenmeter runter. Dafür ist das dritte Joch 70 m niedriger als laut Karte zu erwarten - manchmal hat die Tour halt doch ein Einsehen mit den erschöpften Wanderern. Dazwischen kommt unsere tägliche Übung: Regenjacke und -hülle auspacken für den Gegenanstieg bei Regen.

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Hütte Bezbog
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Am nächsten Tag wartet eine lange Tour zur Hütte Vichren auf uns - und eine interessante Erfahrung mit den Zeitangaben auf bulgarischen Wegweisern. Raum und Zeit sind ja laut Einstein relativ - aber wenn man eine Stunde geht, und die Angabe der Zeit bis zum Ziel hat sich von vier auf viereinhalb Stunden erhöht, dann ist das vor allem relativ frustrierend wink. Unterwegs entschädigt uns aber die Landschaft für diesen Frust - Blicke auf das Kalkmassiv des Vichren, in bewaldete Täler oder über weite Grashänge begleiten uns. Auch eine abenteuerliche Brücke ist mit von der Partie.

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Nachmittag: dass es da nass wird, wissen wir so langsam. Allerdings steigert sich das Wetter: Regen und Wind erreichen vor der Banderizka Porta einen doch ziemlich ungemütlichen Level - und Werner stellt im Abstieg verdutzt fest: vorhin war über meinem Rucksack noch eine Regenhülle, jetzt ist sie weg. Vom Winde verweht, sozusagen. Im Aufstieg zur Banderizka Porta praktizieren wir zum ersten Mal, was in der kommenden Woche zu einer regelmässigen Übung werden wird: das Stangenzählen. Die Winterwege sind nämlich mit gelb-schwarzen Stangen markiert, und diese sind nummeriert. Obwohl wir den Übergang praktisch erst sehen, als wir auf ihm stehen, haben wir über die Nummer der Stange immer einen Anhaltspunkt für den verbleibenden Aufstieg. Bis wir die Hütte Vichren erreichen, sind wir wieder halbwegs trocken - nur die Füße melden sich mit reichlich Feuchtigkeit. In der üblichen Stufe mit allerlei Gestrüpp aus Latschen und Krautzeugs ist vom Knie abwärts noch alles nass.
An der Hütte wartet inzwischen Undi mit Verpflegungsnachschub auf uns.

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Die Planung sollte uns am nächsten Tag eine lange, aussichtsreiche Etappe bringen.
Es kam aber anders, da sich unsere Mädels im etwas anspruchsvolleren Gelände nicht so wohl fühlten. So gibt’s Damenprogramm (Sonnen an einer Biwakschachtel) und Herrenprogramm: wir leihen uns ganz kleine Rucksäcke und nehmen den Vichren in Angriff. Eine schöne, klassische Bergtour, die am Gipfelaufbau einen sicheren Tritt und Umsicht verlangt.

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Nach einer ausgiebigen Stärkung machen wir uns an den Abstieg zur Hütte Banderiza, wo uns der Regen ganz kurz vorher doch noch erwischt. War wohl auch daher nicht ganz falsch, die Route zu ändern - der Regen hätte uns wohl am Grat mit den anspruchsvollen Passagen erwischt.
Erst durch beeren- und pilzreichen Wald, dann durchs Skigebiet geht’s am nächsten Tag runter nach Bansko, wo wir Anna wieder treffen. Sie und Undi verabschieden sich, für Jutta, Karsten und mich gibt’s abends beim Jazzfest Kultur.

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Am nächsten Tag steht wieder Busfahren auf dem Plan - über Blagoevgrad und das Dorf Rila erfolgt der Transfer zum Kloster Rila.
Am Nachmittag wollen wir nur einen kleinen Spaziergang zum (lt. Schild) die Grab von die heilige Iwan Rilski machen. Jutta überlegt zunächst, in Trekkingsandalen zu gehen, entscheidet sich dann aber glücklicherweise doch für die Bergschuhe. Es wird dann etwas länger als gedacht, aber als wir fragen wie lange es noch dauert und die Antwort pet minuti (Fünf Minuten) ist, gehen wir das Stück auch noch.
Wer sich jetzt über den Text wundert: Das ist der bulgarischen Grammatik geschuldet.
Auf Bulgarisch heißt es z.B. in kyrillischer Schrift так няма никъде черен хляб gesprochen: tak njama nikade tscheren chljab. Wörtlich übersetzt: Hier nicht es hat nirgendwo Schwarzbrot - Hier gibt es nirgends Schwarzbrot. Im Übrigen nicht das einzige Beispiel für etwas schräge Übersetzungen, das wir gesehen haben.

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Das Rilakloster - das wichtigste Kulturdenkmal Bulgariens - besichtigen wir am Abend in Ruhe ohne den tagsüber herrschenden Massenansturm.

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Der Zustieg zur ersten Hütte im Rila am nächsten Tag wird wieder viel länger als gedacht.
Der auf der Karte eingezeichnete Weg endet nach 100 Hm im Wald, aber es müsste ja weiter gehen. Rechts vom Bach - also mal die Stufe rauf. Das ist zwar alles weich, aber geht schon - oder auch nicht. Ich mache mir das Motto von Chris zu Eigen - Uund ab geht’s! Mist, hält doch nicht. Automatisch drehe ich mich noch mit dem Gesicht zum Hang, aber es gibt nichts zum Bremsen. So geht’s gefühlte vier Meter abwärts und ich spür einige Kratzer, aber macht nix.
Jedenfalls kanns hier nicht weiter gehen und wir drehen um. Als mich Jutta kurz darauf anschaut der Kommentar: Du blutest. ÖHA
Bei näherer Betrachtung sind die Kratzer etwas heftig und tief, was uns ein Verbandpäckchen kostet. Eine gute Stunde später als geplant machen wir uns dann auf den längeren Weg zur Hütte Maljovitza. Auch hier hat es über dem Wald eine Stufe mit Gras und Latschengestrüpp, die noch dichter bewachsen ist als sonst. Kein Wunder, hier ist ein Naturschutzgebiet und deswegen kein Weidebetrieb.

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Irgendwann - also: viele Stunden später - treffen wir oben am Kamm auf den Abzweig zum Weg, wo wir ursprünglich her kommen wollten. Weil wir spät dran sind, erwischt uns das Gewitter vor dem Maljovitza-Sattel. Heute dauert es länger und es schüttet richtig. Den Weg um den Berg gibt’s nicht ganz so, er fährt fast darüber, aber die 50 Hm zum Gipfel lassen wir sein. Bei einer kurzen Pause leeren wir erst mal die Stiefel aus? Der GPS-Track sagt dann am Ende des Tages:1988 Hm und 26 Km. Zum Abendessen die üblichen Fragen: Welche Suppe (Linsen oder Bohnen), Kebace oder Köfte, Bratkartoffeln mit oder ohne Käse.

Hütte Maljovitza - Hütte Ribni Ezera

Heute steht ein Erholungstag an - es sollen angeblich nur 650 Hm und ca. 15 km werden. Entsprechend lassen wir es gemütlich angehen, die Gesunden und Mutigen springen in den See Popovokapski Ezero. Kleines Problem: bulgarische Karten muss man schon genau lesen - sonst übersieht man leicht, dass es zwischendrin auch noch mal ein paar hundert Höhenmeter runter geht. Steht ja keine Höhenmarkierung dran. So stehen dann am Ende des Tages schon wieder rund 1.300 Höhenmeter auf der Uhr - Mist…

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Am dritten Tag geht es von der Hütte Ribni Ezera zur Hütte Grntschar - diesmal sind es wirklich deutlich weniger Höhenmeter. Nach einem morgenlichen Aufstieg geht es lange entspannt einen Höhenrücken entlang, danach noch mal ein Aufstieg zum Gipfel Kocar (den wir diesmal mitnehmen, obwohl der Weg wieder 35 Hm unterhalb entlang führt), und dann geht es zur Hütte. Wir nehmen Bungalow statt Schlafsaal - auch wenn der ohne Strom ist. Eine Stromtrasse führt zwar direkt an der Hütte vorbei - die besteht aber seit Jahrzehnten nur aus den Masten, zu den Kabeln hat es nie gereicht. Nächstes Jahr will der Hüttenwirt Photovoltaik installieren. Der Hüttenwirt meint auch, dass es in diesem Sommer so viel Regen gab wie noch nie in seinen 16 Jahren auf der Hütte - ein schwacher Trost für unsere Füße, die immer wieder über durchgeweichte Wiesen laufen müssen. Immerhin: heute hat es zum ersten Mal nicht geregnet…

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Vierter Tag:
Nach dem wie immer kräftigen Frühstück - purcheni fileki, bei uns “Arme Ritter” genannte Weißbrotscheiben mit Ei gebacken, lockt der Musala - immerhin der höchste Gipfel des Balkan, und schon am Vortag immer wieder im Blickfeld… Theoretisch sind es “nur” gut 700 Hm zum Gipfel, die man flott bewältigen könnte. Aber dann geht’s am Kamm mehrfach auf und ab, so dass es gut 1300 Hm werden. Ober erleben wir slawische Gastfreundschaft: obwohl wir eigentlich genug eigene Verpflegung dabei haben, werden wir regelrecht gedrängt, bei Schinken und Käse zuzulangen. Der Abstieg geht erst mal normal vonstatten - wir hatten den Abzweig schon im Aufstieg gesucht, und mit einiger Mühe auch gefunden. Dann kommt eine schöne Talsohle - bis hierher war Jutta der Meinung, es würde ein Tag mit trockenen Füßen. Ein Irrtum, wie sich bald herausstellen sollte. Zunächst aber ging es meist in einer breiten Gasse mit vielen Blumen durch sehr hohe Latschen. Der Weg ist nicht nur mit grünen Markierungen versehen - er bleibt uns auch als der “grüne Weg” in Erinnerung. Jutta entdeckt die nächste Schlange - erst die dritte Schlange, die sie in ihrem Leben in der Natur gesehen hat. Ein Verhauer im Dickicht zwischen Latschen und Sumpfwiesen ist auch noch mit dabei - uns wird nicht langweilig. Kaum macht man mal Pause um etwas zu essen, wird man seinerseits zum Nahrungsspender: so viel Autan kann man gar nicht aufsprühen, um all die beißenden und stechenden Viecher abzuwehren. Aber irgendwann ist dann doch das Tagesziel erreicht: die Hütte Zavratschiza.

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Der letzte richtige Bergtag zur Hütte Belmeken bringt verteilt annehmbare Höhenmeter und viel Strecke, bei der die Weite des Rilagebirges deutlich wird - hier wird das erwähnte Stangenzählen zum Exzess getrieben: ca. 200 Stangen sind es zwischen den Übergängen Zavratschiza und Premata. Ganz zum Schluss sind dann noch mal die Nerven gefordert: eine drahtseilgesicherte Passage bringt uns vom Gipfel des Ostrez über eine Felskante nach unten. Am nächsten Tag steigen wir durch viel Grün (und nochmals entlang vieler Himbeeren grin ) nach Kostenez ab.

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Die Rückfahrt mit dem Zug nach Sofia zeigt nochmal, wie günstig Bulgarien ist. Für die 70 km kostet die Fahrkarte erster Klasse 13,50 Lewa, also zwischen 6 und 7 Euro. Zum Vergleich: Feldmoching - Flughafen München mit U- und S-Bahn kostet 10 Euro!

Text und Bilder: Werner & Karsten

Viracocha, 09.11.2014 19:38